Eines Abends merkte ein armer Bauer auf dem
Heimweg vom Markt, dass er sein Gebetbuch nicht bei sich hatte. Es betrübte
ihn, dass dieser Tag vergehen sollte,
ohne dass er seine Gebete verrichtet hatte.
Also betete er: "Ich habe etwas sehr Dummes getan, Herr. Ich bin heute
früh ohne mein Gebetbuch von zu Hause fortgegangen, und mein Gedächtnis ist so
schlecht, dass ich kein einziges Gebet auswendig sprechen kann. Deshalb werde
ich dies tun: ich werde fünfmal langsam das ganze ABC aufsagen, und du, der du
alle Gebete kennst, kannst die Buchstaben zusammensetzen und daraus die Gebete
machen, an die ich mich nicht erinnern kann."
Und der Herr sagte: " Von
allen Gebeten, die ich heute gehört habe, ist dieses ohne Zweifel das beste,
weil es aus einem einfachen und ehrlichen Herzen kam."
Manchmal kann es einem am Ende eines aufreibenden Tages ein wenig ergehen, wie
dem Bauer in Anthony de Mellos Geschichte. Wir vergessen zwar nicht den Wortlaut
unserer erlernten Gebete, aber sie wollen einem nach so viel geistlichem und
pastoralem Bemühen nicht mehr so recht über die Lippen kommen. Vielleicht
könnten wir uns dann die Methode des Bauers zu eigen machen und dem Herrn
einfach unseren Tagesablauf "vorbuchstabieren":
A m
Morgen leider wieder zu spät aufgestanden...
B ei
der Vorbereitung schnell eine zündende Idee gehabt...
C hristine
hoffentlich nicht beleidigt...
D anke
für die leuchtenden Augen meiner Kinder...
E in
kleiner Hoffnungsschimmer in der Schule...
F
irmkonzept immer noch nicht fertig...
G
...
Dir Herr gebe ich das ABC
dieses Tages. Du kennst meine Sehnsucht und leidest mit an meinem Versagen. Du
kannst aus den Buchstaben des vergangenen Tages ein Gebet machen, wie es dir
gefällt. Und vielleicht wird der Herr antworten:
Von den Abendgebeten ist dies ohne Zweifel das beste, weil es mir nicht nur zehn
Minuten, sondern einen ganzen Tag zum Geschenk macht.