N.Hoffmann, Wie ein Grashalm im Felsen - Glaubensgeschichten)

Am Sonntag kam Margarete
ganz aufgedreht aus der Kirche nach Hause: »Der Pfarrer, der hat ja Null
Ahnung! Was der da in der Predigt für einen Stuss erzählt hat!
>Bittet, und ihr werdet empfangen!< - Das soll einer glauben?!«
» Wieso, was hast du denn für Probleme damit?« rief die Mutter aus der
Küche, wo sie gerade dem Sonntagsbraten den letzten Schliff gab. »Der
Pfarrer, der hat doch nur aus der Bibel zitiert. Genauso hat das Jesus
gesagt!«
» Dann steht da Quatsch in der Bibel! Oder es ist irgendwie anders
gemeint. Ich weiß jedenfalls, dass das so nicht stimmt. Was ich erlebt
habe, das ist genau das Gegenteil!«
Dann erzählte Marga von dem kleinen Jens, den sie als
Kinderkrankenschwester seit über einem halben Jahr betreut und pflegt.
»Der Jens, der hat eine unheilbare Blutkrankheit. Er ist jetzt vier Jahre
alt, und er wird seinen fünften Geburtstag nicht erleben. Das haben die
Ärzte gestern noch gesagt.
Und das Schlimmste, das
Schlimmste, das ist seine Mutter. Den ganzen Tag über ist sie bei ihrem
Jungen. Und bevor sie kommt und wenn sie wieder geht, dann ist sie jedes
mal wenigstens eine halbe Stunde in der Krankenhauskapelle und bittet, dass
ihr Jens wieder gesund wird. Und was ist? Jeden Tag geht es dem Jungen
schlechter. Da ist nichts mit >Bittet, und ihr werdet empfangen.<
Nichts ist da, rein gar nichts !«
Die Mutter kümmerte sich verbissen um ihren Braten. Der Vater versenkte
sich so in seine Zeitung, dass man nichts mehr von ihm sehen konnte. Und
Thomas, der jüngere Bruder von
Marga, der sonst auf alles eine Antwort wusste, verschwand ungewöhnlich
schnell in sein Zimmer: »Ich muss noch Schulaufgaben machen!« Das war
noch ungewöhnlicher - besonders für einen Sonntag.
Ein paar Tage später kam Marga nicht zur gewohnten Zeit vom Dienst aus
der Klinik nach Hause. Erst über zwei Stunden später. »Als die Mutter
vom Jens heute gehen wollte, da habe ich sie gefragt, ob sie mit mir
italienisch essen geht. Wir waren bei Salvatore und haben Spaghetti
Carbonara gegessen.«
»Ja und«, wollte Thomas neugierig wissen, »habt ihr auch über den
Pastor gesprochen ? Und das, was er am Sonntag in der Predigt gesagt
hat?«
»Ja, ja, haben wir. Aber ich habe nicht gefragt. Ich konnte das nicht.
Ich wollte ja nur, dass die Mutter vom Jens ein wenig Abwechslung hat.
Aber - was mich am meisten gewundert hat - sie hat ganz von selbst
angefangen. » Was meinen Sie denn, warum ich immer in die
Krankenhauskapelle beten gehe?« fragte sie mich.
»Ich kenne mich ganz gut in der Bibel aus, und am meisten habe ich mich
an den Satz von Jesus geklammert: >Bittet, und ihr werdet
empfangen.< An dieses Versprechen von Jesus, daran halte ich mich ganz
fest. Das muss doch stimmen, wenn Jesus das sagt. Darum bete ich so viel
für Jens.« »Ja und?« habe ich gefragt - und noch während ich
sprach, tat es mir schon leid -, »haben Sie denn etwas gemerkt? Erhört
Jesus denn Ihre Bitte?«
»Am Anfang - da war ich ganz verzweifelt. Immer wenn ich aus der Kapelle
zu Jens kam, ging es ihm wieder schlechter. Ich war wirklich am Ende, und
fast hätte ich mit dem Beten aufgehört.« »Hätte ich bestimmt!«
»Ach, wissen Sie«, antwortete die Mutter von Jens, »ich hätte mir das
auch früher nicht vorstellen können - als ich so alt war wie Sie. Aber
wenn man in so einer Situation drinsteckt, dann wird alles anders.
Verändert hat sich bei mir alles vor ungefähr zwei Wochen. Ich war wie
immer in der Krankenhauskapelle beten. Und -Sie wissen doch - die Wand
hinter dem Altar: Das ist ein riesiges Bild. Ich habe mich zum Beten immer
in die erste Reihe gekniet, um ganz nah am Tabernakel zu sein. Und vor
zwei Wochen, da schaute ich zum ersten Mal zu dem großen Bild auf. Aber
ich konnte nichts erkennen: Das Bild war einfach zu groß, und ich war zu
nah davor.«
»Das ist ja wie in der Schule: Wenn man direkt an der Tafel steht, dann
kann man gar nichts erkennen.«
»Genau: Das fiel mir auch ein. Und dann wurde ich neugierig. Ich ging ein
paar Schritte zurück, noch ein paar - bis ich hinten an der Rückwand der
Kapelle war. Jetzt aus der Entfernung konnte ich alles auf dem Bild
viel besser erkennen.«
»Und? Was hat das mit Jens zu tun? Und was hat das mit Ihrem Gebet zu tun
?«
»Ja, Sie werden staunen. Als ich da hinten stand und das ganze Bild
erkennen konnte, da kam mir der Gedanke: Könnte es nicht sein, dass Gott
alles ganz anders sieht als wir. Er - so aus der Entfernung - er sieht ja
alles - das ganze Weltall; und ich sehe nur so ganz aus der Nähe -
vielleicht sehe ich manches nicht richtig.« »Und Sie meinen: Gott
erhört all unsere Bitten? Und wir können das manchmal nicht erkennen,
weil wir zu nah dran sind? Er erfüllt unsere Bitten auf jeden Fall?
Manchmal aber ganz anders, manchmal sogar besser, als wir es wünschen,
weil er viel besser sieht? Meinen Sie das?«
Die Mutter von Jens nickte. Ich konnte aber sehen, wie sie sich auf die
Lippen biss, um Tränen zu vermeiden. Das Nicken fiel ihr nicht leicht.
»Aber ist das nicht auch gefährlich, so zu denken?« Mir fiel es schwer
weiterzufragen. » Können wir mit solch einer Erklärung nicht die
Erfüllung jeder Bitte erklären ?«
»Ich glaube, dass es vielleicht sogar so ist!« gab sie mir zu verstehen.
»Als ich nämlich danach wieder zum Jens auf das Zimmer kam, entdeckte
ich, dass meine Bitte vielleicht schon längst erhört war. Ich sah auf
einmal alles anders. Ich sah zum ersten Mal, dass Jens eigentlich gar
nicht litt, dass er gar nicht traurig war, irgendwie war er sogar
fröhlich und unheimlich lieb. Das hatte ich vorher nie bemerkt -
wahrscheinlich, weil ich ihn immer mit Tränen in den Augen gesehen habe. Ich
hatte bisher gelitten, nicht er. Und wenn ich gebetet habe,
dann habe ich wohl mehr für mich gebetet als für Jens.«
Jetzt fiel mir ein, dass das irgendwie stimmte. Eigentlich hatte ich Jens
noch nie weinen sehen. Ich habe noch nie gehört, dass er gejammert hat,
Und langsam begriff ich auch, warum alle Schwestern am liebsten zum Jens
gingen; er war der Liebling der ganzen Station.
»Damit Sie mich nicht falsch verstehen«, sagte die Mutter von Jens,
»ich leide noch genauso wie sonst, und ich darf nicht daran denken, was
sein wird, wenn Jens....Ich weiß nicht, wie ich damit fertig werde. Aber
eines habe ich begriffen: Es geht ja nicht um mich: Es geht um meinen
Jungen!«
Wer lebensspendendes Wasser geben
will,
der muss an der Quelle verweilen.
Wer anderen Sonnenstrahl sein will,
der muss in die Sonne hineingehen.
Wie bei einer Kerze
kommt es auch für mich nicht darauf an,
ob ich schön oder hässlich bin ,
es kommt nur darauf an, dass ich gutes Licht gebe.
Wenn wir Christen nur ein wenig mehr
von der Macht der Kinder Gottes einsetzen würden:
von der Macht des Lächelns -
ich glaube, wir könnten Welten
verändern.