Steinmeditation

Nimm den Stein in die Hand,
fühle ihn.
Er ist hart, wie die Herzen der Herrschenden; hart wie Stein.
Umschließe ihn mit der Hand, erwärme ihn, den kalten Stein.
Nur wenn du ihn umfasst,
ihn mit deiner Hand umgibst,
nimmt er Wärme an, wie ein kaltes Herz.
Begreife ihn mit deinen Fingern, nur wenn du ihn begreifst,
wirst du dich mit ihm befreunden.
Fühle über seine Fläche,
die glatte, an der alles
herunterperlt,
die kantige, die dir weh tut und dich verletzen kann,
deine
Empfindlichkeit, dein Fingerspitzengefühl,
deine Haut, die dich schützt.
So wird er ein T eil von dir:
denn so bist du oft selber - steinhart,
und kalt,
und aalglatt,
und gefühllos,
und kantig,
scharf und verletzend.
Geschleudert als Stein
gegen die Befreiung der
Unterdrückten, geschleudert,
um jede menschliche Regung im Keim zu ersticken,
geworfen gegen die
verzweifelten und schreienden Menschen.
Ich mit meiner Meinung, mit meinem Vorurteil,
steinhart in meiner Gleichgültigkeit,
treffe die Armen, die Lieblinge Gottes,
und lasse sie treffen - täglich.
Nur wenn einer kommt und
die Hand um dich legt,
wandelt deine Kälte sich um in Wärme.
Nur wenn einer kommt und dich umfasst,
wird die stumme Kälte sich auflösen und Steine werden reden.
Nur wenn einer kommt und
sich deiner annimmt,
wirst du nicht mehr "zum-Stein-erweichen" zum Himmel schreien.
Nur wenn einer kommt und dich aufnimmt,
wird niemand mehr über dich stolpern.
Nur wenn einer kommt und dich anrührt,
wird aus Steinen klares Wasser fließen;
die Durstigen werden ihre Sehnsucht stillen.
Kirchentag, Hannover 1983