(Norbert Hoffmann, Wie ein Grashalm im Felsen,
Glaubensgeschichten)
Wenn Katja einmal in
der Woche bei Frau Ziesel vorbeikam, um nach dem Rechten zu sehen, dann blieb
sie nach dem Einkaufen und Putzen der Wohnung noch immer zu einer Tasse Tee und
einem kleinen Plausch. Die beiden saßen dann im besten Zimmer; das alte Sofa
war Katjas Lieblingsplatz, und Frau Ziesel saß am liebsten in ihrem großen
Ohrensessel. Bei den Brokatkissen musste Katja aufpassen, dass sie nachher alle
wieder an ihrem Platz standen und den obligatorischen Kniff in der Mitte hatten.
Meistens erzählte die alte Frau aus vergangenen Zeiten, manchmal holte sie
eines der alten Fotoalben hervor, um dies oder jenes mit einem Bild zu
illustrieren.
»Sind Sie eigentlich nie aus unserer Stadt herausgekommen?« fragte Katja eines
Tages, nachdem Frau Ziesel ihr wieder ein paar Fotos gezeigt hatte.
»Ach ja«, antwortete die Frau, »das ist eigentlich eine lange Geschichte: Als
ich nochjung war, da hatten meine Eltern kein Geld, um Reisen zu machen. Dann,
als ich heiratete - ja, du weißt, wie das ist -, da ging's auch nicht, da habe
ich mich eigentlich auf jetzt gefreut: Die Kinder sind aus dem Haus und gut
versorgt; man braucht nicht mehr jeden Pfennig einzeln herumdrehen; das Essen muss
nicht mehr zu einer bestimmten Zeit auf dem Tisch stehen; ich kann spazieren
gehen- Freunde besuchen, Schaufensterbummeln, Kaffeekränzchen einladen; ich
kann reisen, wohin ich will : nach Rom oder Lourdes oder auch beides - dachte
ich mir.
Früher, da
ging das nicht: Kinder kosten Geld und Zeit- wir hatten beides nie so reichlich;
mein Mann musste arbeiten,
am Tag bis zu zehn oder zwölf Stunden - an Urlaub war überhaupt nicht zu
denken. Doch einmal, da waren wir zur Erholung mit der Caritas unterwegs. Da
habe ich mich mit ein paar Frauen meines Alters angefreundet. Wir wollten
Ausflüge machen - mal hier- hin - mal dorthin. Zweimal ging mein Mann mit, dann
war ihm das >Geschnatter< zu viel, und ich musste auch im Haus bleiben.
Nach dem Urlaub hatten mich die neuen Freundinnen eingeladen. Einmal war ich
hin, dann hat es mir mein Mann verboten: >Die Frau gehört ins Haus!<
Darauf habe ich die Frauen zu uns eingeladen, einen Tag vorher musste ich sie
wieder ausladen: >Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, dann will ich
meine Ruhe haben!<
Darum habe ich mich so auf die Jahre gefreut, wenn mein Mann pensioniert ist.
Und jetzt: Jetzt kann mein Mann nicht mehr gut laufen, jetzt sitzt er in seinem
Sessel in der Küche - sie haben ihn eben gesehen, hat er überhaupt gegrüßt?
-und kontrolliert mich mit der Uhr in der Hand, ob ich fünf Minuten zu spät
vom Einkaufen oder aus der Kirche komme. Einladen kann ich niemanden mehr.
>Ein kranker Mensch kann nicht so viel Unruhe vertragen!< sagt er. Wie ein
Tyrann sitzt er da in der Küche mit seinem Sessel am Fenster, und ich, ich bin
wie seine Sklavin!«
»Ja, können Sie das denn nicht ändern, können Sie sich denn nicht wehren?«
warf Kat ja ein. » Können Sie sich nicht gegen diese Unterdrückung auflehnen
?«
»Wie soll ich das denn machen?« fragte Frau Ziesel zurück. »Jetzt bin ich
doch zu alt dazu.« - »Und früher?« - »Ja früher - früher, als die Kinder
noch im Haus waren -, da habe ich geschwiegen, da habe ich mich nicht gewehrt um
des lieben Friedens willen!«

Frieden hat viele
Gesichter
Frieden kann vieles meinen:
das friedliche Lächeln eines Neugeborenen die Friedhofsruhe auf dem
Schlachtfeld
der wortlose Frieden zwischen Liebenden das unterdrückte Schweigen
um des lieben Friedens willen
zwingender Frieden ohne Waffen
erzwungener Frieden unter Drohung und Macht der Frieden des Taus
auf den Gräsern eines jungen Morgens der Todesfrieden
einer zerstörten und zubetonierten Umwelt der beglückende Frieden in einer
Familie
der erdrückende Frieden unter dem Diktat.
Es gibt Frieden, der Hände reicht, und Frieden, der Fäuste ballt.
Von seiner Herkunft her hat Frieden
den gleichen Wortstamm wie
Freude froh
Freiheit
Freundschaft .
Vielleicht kann ich
Frieden daran messen und erreichen.